Die Illusion der Kontrolle

Schon seit mehreren Jahren brüte ich über diesem Thema. Damals hatten Kollegen meines ehemaligen Arbeitgebers mich eingeladen, an einem Compliance Seminar teilzunehmen.

Es ging dabei um einen amerikanischen Konzern mit großem Augenmerk auf „Compliance“ - standardisierte Arbeitsprozesse, dokumentierte Arbeitsabläufe, und natürlich Kontrollen und betriebsinterne Prüfer, die diese kontrollierten Arbeitsabläufe wiederum … kontrollierten.

 

Ein wirklich interessantes Seminar – eine Gruppe von 10 Managern, die meisten hatten bei der letzten Reorganisation die Firma verlassen. Und jeder der „Ex“ hatte in der Zwischenzeit die erworbene Firmenerfahrung auf ganz eigene Weise genutzt, meist in dem Bereich, in dem er vorher schon besondere Erfahrungen erworben hatte: unser früherer Compliance Manager hatte seines Beratungsunternehmen im Bereich... Compliance. Ein weiterer, deutscher Compliance Experte berät jetzt deutsche Mittelständler im Rahmen der neuen Gesetzgebung um Datensicherheit.

 

Im Rahmen unserer Vorträge fiel mir eines auf: es ging wieder und wieder um „Kontrolle“ - ein Arbeitsablauf mag zwar perfekt dokumentiert sein … nur manches mal wird er nicht perfekt durchgeführt. Solange es um Maschinen geht – Industrieroboter, Computerprogramme – funktioniert alles perfekt. Maschinen machen keine Fehler. Sie führen – zuverlässig und fehlerfrei – immer wieder das aus, worauf sie programmiert sind.

 

Was den perfekten Ablauf stört ist … der „human factor“ - Faktor Mensch. Und das meine ich ernst, wir nannten es den „human factor“. Sobald Menschen an einem Arbeitsablauf teilnehmen – also Daten eingeben oder Dokumente ablegen – steigt das Risiko des „nicht-perfekten Ablaufs“: ein Mensch mag vergessen oder sich vertippen, was einem Computer einfach nicht passiert.

Ein Mensch mag sogar versucht sein, sich unehrlich zu verhalten, Zugangsrechte zu missbrauchen,.. was auch immer einem da einfällt.

Und damit brauchen die Internen Prüfer die sogenannten „compensating controls“ - zusätzliche Kontrollen, den Faktor Mensch unter Kontrolle zu halten. Durch andere Menschen. Und wieder entsteht das Risiko des Faktor Mensch.

 

Ich musste lächeln – immer wieder stiessen wir auf den „Faktor Mensch“ - ein sehr rationaler Ausdruck für die irrationale menschliche Natur: Gefühle, Versuchungen, Stimmungen.

 

Und dann ein Gedanke – es ist Illusion zu meinen, alles unter Kontrolle zu haben -  oder unter Kontrolle haben zu müssen.

 

Wir sind überzeugt, Menschen wie Maschinen kontrollieren zu können.

Wir sind überzeugt, Menschen durch Menschen kontrollieren zu können – Scheitern bleibt möglich.

Wir sind geradezu kontrollbesessen, den Kontrolleur kontrollieren, den Kontrollablauf perfektionieren.

 

Menschen machen Fehler. Wir sind keine Maschinen... Mir scheint, das Ziel derartiger Perfektion hat bei uns in dem Moment Einzug gehalten, als Computer im Arbeitsablauf zu Kollegen wurden. Sie sind führen alles makellos aus. Keine schlechte Laune wegen Ärger zu Hause, keine Unaufmerksamkeit bei Schnupfen – Ausführung, immer.

 

Und damit wurde das Verhalten von Maschinen die Messlatte unseres menschlichen Verhaltens. Immer rationaler, immer kontrollierbarer.

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Kontakt:

Wiebke Hansen

LifeForce Coaching zertifiziert