Arbitrage - Gedanken zur Gleichberechtigung

Arbitrage - die Macht der Macht - (das Kinoposter)
Arbitrage - die Macht der Macht - (das Kinoposter)

Ich geniesse Langstreckenflüge: sie erlauben mir, alle möglichen neue Filme anzuschauen. Manchmal schaue mich mir nur “Wohlfühl-Filme” an, manchmal werde ich tief berührt und einige Filme bringen Aha-Momente mit sich. Das sind nicht immer die Filme, bei denen ich es erwarten würde – auch augenscheinlich gewöhnliche Thriller haben diesen Effekt auf mich – ganz nach dem Wunsch des Regisseurs und der Schauspieler. Das hoffe ich zumindest.

 

Arbitrage – die Kurzbeschreibung hat mich nicht mitgerissen:

“Finanzhaie mag wirklich niemand: In Nicholas Jareckis Spielfilmdebüt "Arbitrage" spinnt ein New Yorker Betrüger immer größere Intrigen, um einer Strafe zu entkommen. Aber Richard Gere spielt ihn so gut, dass man ihm kaum böse sein kann.”

Klang nach einem weiteren Business Film. Mmmh – sollte ich mir den anschauen?

Die Hauptdarsteller sagen mir zu: Richard Gere und Susan Sharandon machen meist gute Filme, Filme mit Tiefgang. Zumindest bei den letzten, die ich gesehen habe. Ist “Pretty Woman” ein Film mit Tiefganz? Naja -für mich ist es jedenfalls ein Kultfilm: ich schaue ihn auch zum zehnten Mal gern. Und “Thelma und Louise” mit Susan Sarandon – dieser Film hat mich damals sehr betroffen gemacht.

Also gut, ich entscheide mich, ihn anzuschauen.

 

Ein wohlhabender Geschäftsmann, erfolgreicher Finanzhai – das grosse Geld, die feine Gesellschaft. Eine schöne Ehefrau, eine intelligente Tochter, ein etwas blasser Sohn. Und eine Geliebte. Eine französische Künstlerin, die er durch Käufe ihrer Bilder unterstützt.

Ich werde unruhig... das ist ja nun ein gängiges Cliché. Ein Cliché, das ich kenne, da ich selbst aus einer relativ wohlhabenden Familie stamme, mit einer schönen Mutter .. und ich bin klug – naja, meinem Vater will ich da nichts unterstellen. Das gehört mehr zu meiner eigenen Geschichte: ich war mit einem erfolgreichen Geschäftsmann verheiratet, mit angenehmem Leben, zwei wundervollen Töchtern – und er hatte eine Geliebte. Also doch: die Geschichte berührt mich, gerade weil sie ein gängiges Cliché bedient.

 

Dann kommt es zu interessanten Komplikationen – Ärger mit einem wichtigen Geschäftsabschluss, in dem Gere eine Gradwanderung zwischen Betrug und Geschäft veranstaltet. Um genau zu sein: er verdeckt Informationen. Darin ist er gut, sehr geschickt, alles unter seiner Kontrolle – er denkt an alles. Mit Geld kann man alles erreichen.

Nur, seine Geliebte wird unruhig, wie Geliebte das nach einiger Zeit werden: sie möchte mehr, möchte ihn ganz für sich, wobei er nur die Lebendigkeit suchte, die ihm zu Hause, nach Jahren der Routine, fehlte.

Sie fahren weg für eine gemeinsame Nacht – Autobahn, Fahrt nach einem langen Tag – er döst ein – und wird fast von einem LKW erfasst – sein Wagen überschlägt sich, er steigt aus, nur leicht verletzt. Und seine Geliebte.... sitzt auf dem Beifahrersitz – tot. Schock. Unglauben – Mist .. und die Konsequenzen dieses Unfalls … jetzt kommt alles heraus, ausgerechnet in dem Moment, in dem er seine Firma teuer verkaufen will.

 

Wütend tritt er die Autotür ein, stolpert ins Freie – schaut ungläubig und traurig auf seine tote Freundin. Oberhalb der Strasse – eine Tankstelle mit Telefon. Man sieht förmlich, wie er alle Möglichkeiten im Kopf durchspielt, um aus diesem Durcheinander heil herauszukommen. Während er die Böschung hinaufgeht, explodiert sein Wagen. Wichtige Beweise – zerstört. Jetzt kommt er vielleicht doch heil davon.

 

Ich will gar nicht den ganzen Film zusammenfassen – nur den Hintergrund etwas ausmalen: ein reicher Mann mit viel Ärger: sein Firmenverkauf riskiert zu platzen, was ihn bankrott gehen liesse und all die Fehlinvestitionen ans Licht bringen würde. Und die Geliebte,... bedroht das oberflächlich perfekte Bild seiner Familie.

 

So entschliesst er sich zu lügen, alles zu verdecken. Der Film zeigt weiter die geschickten fast-Entdeckungen, Illoyales, Lügen, Lügen, Lügen... sogar der Inspektor, der eigentlich sofort auf der richtigen Fährte ist und den “bösen Reichen” endlich hinter Gitter sehen will, fälscht Beweise und wird von Gere doch schlussendlich überlistet.

 

Wieder und wieder frage ich mich... warum schau ich mir das an? So viele Lügen, Clichés, worum geht es hier? Welche “tiefe Wahrheit” steckt hier verborgen. Oder ist es doch nur “noch ein böser reicher Mann – Film”?

Die Tochter entlarvt die Lügen ihres Vaters und ist tief entsetzt ob der “harten Wahrheit” im Business. Sogar ihr so bewunderter Vater betrügt.

 

Er schafft es – kommt mit heiler Haut davon, verkauft seine Firma gerade rechtzeitig, deckt den Trick des Inspektors auf – alles scheint gerettet.

Bis er nach Hause kommt, und seine Frau im Schlafzimmer trifft – beide bereiten sich auf eine Gala vor.

Sie sitzt an ihrem Tisch, nimmt seelenruhig einen Drink. Und fragt ihn, ob alles in Ordnung sei – und dem Zuschauer wird klar: sie hat alles durchschaut. Während des gesamten Films war die Aktion bei ihm – die nette Ehefrau schien im Hintergrund, eine Nebenrolle.

Und nun – plötzlich im Zentrum des Geschehens – sie spürt den Schmerz ihrer Tochter, auch ohne die Details zu kennen. Sie bemerkt die Verletzungen ihres Mannes nach dem Unfall, obwohl er nie sagt, was passiert sei. Er vertuscht alles.

 

In der Schlussszene hebt sich der Schleier, sie stellt ihn zur Rede: die Affaire, über die sie Bescheid wußte, den Schmerz der Tochter – und dass er gewillt war, den Ruf der Tochter durch seine eigenen Betrügereien zu riskieren. Hier überschreitet er die Grenze - seine Frau schlägt mit seinen eigenen Waffen zurück:

 

Sie legt ihm Scheidungspapiere zur Unterschrift vor, die ihn leer ausgehen lassen, jedoch Wohlstand für den Rest der Familie absichern. Und stellt ihn vor eine Wahl: entweder unterschreibt er – und sie erzählt der Polizei, er sei am Unfallabend zu Hause gewesen, oder, sollte er es vorziehen nicht zu unterschreiben, wird sie die Wahrheit sagen.

Er tobt, droht, schreit ungläubig herum, dass sie es nicht wagen wird, alles durchzuziehen. Und sie? Besteht ruhig auf dem Gesagten. Das Kätzchen wird zur Löwin, die im Kampf um ihr Heim die Krallen zeigt.

 

Genau in dem Moment, als Susan Sarandon ihrem manipulativen Mann die Stirn bot, verstand ich, warum ich diesen Film sehen sollte:

 

Diese Familiengeschichte – vom verliebten Paar zu Eltern, zum Feststecken in den traditionellen Rollen – bis einer von beiden sich einen Geliebten sucht.

Es ist bequem, zusammenzubleiben – solange es beiden nutzt. Im Respekt der Rechte und Pflichten, und doch bleiben Vertrautheit, Liebe und Offenheit auf der Strecke. Muss es denn immer so sein?

 

Den Respekt verlieren, aus Unverständnis der unterschiedlichen Rollen: der Versorger, der seine Frau schmäht für “das bisschen Wohltätigkeit” - wo sie das eigentliche Herz der Familie ist. Und die Hausfrau, die die Abwesenheit des Mannes mit Desinteresse verwechselt, wenn es für ihn um die Sicherheit seiner Familie geht.

Es verwundert mich immer wieder, wie die Vertrautheit des Paares sich wandelt und beide den Respekt vor der Aufgabe des Anderen verlieren.

 

Ein altes Indianersprichwort lässt mich diese Aufgaben aus neuer Sicht sehen: “Es ist die Rolle der Frau, den Mann auf den Weg seiner Seele zu führen. Es ist die Rolle des Mannes dafür zu sorgen, dass seine Frau sicher auf Erden wandeln kann.”

Aaaahhh!!

 

Welch anderes Rollenverständnis! Der Familienunterhalt und der Weg der Seele – das materielle und das emotionale Wohlergehen – zwei wichtige Rollen in einer Familie – unterschiedlich und doch ebenbürtig. Respekt für den Versorger, Respekt für den Nestbauer. Haben wir das im ewigen Streit um Gleichberechtigung aus den Augen verloren?

Was bedeutet eigentlich genau “Gleich-be-Recht-igung”?

 

Sind die Rechte der Frau nur dann den Rechten des Mannes gleich, wenn sie sich auf den Arbeitsplatz beziehen? Bedeutet Gleichberechtigung der Frau das Recht darauf, alles zu tun und genauso zu sein wie ein Mann? Nun, dies ist ein Weg.

Für mich bedeutet Gleichberechtigung jedoch auch, gleiches Recht und gleichen Respekt für jeden. Für jeden auf dem von ihm oder ihr gewählten Lebensweg. Respekt für die Hausfrau und Mutter genauso wie für die arbeitende Mutter, genauso wie für den Geschäftsmann.

 

Statt Bewertung und Urteil – Respekt für jeden persönlichen Weg.

 

Ich freue mich auf Ihre Gedanken und Kommentare - hier auf der Webseite oder in einer persönlichen mail.

 

(Arbitrage – ein Film mit Richard Gere und Susan Sarandon - seit 

7. Juni 2013 auch in Deutschland auf DVD erhältlich) 

Kommentare: 1 (Diskussion geschlossen)
  • #1

    Amella Mai (Mittwoch, 23 Dezember 2015 17:59)

    Wow. Eigentlich ist dieser klugen Ausführung nichts hinzuzufügen - eine glatte 1 für diese hochethische Auswertung. Allerdings ein Wort zur Tochter: Sie ist weder Hausfrau, noch Mutter, sondern Geschäftsfrau. Aber sie folgt nicht den krummen Fußstapfen des Vaters, sondern bleibt aufrecht, ehrlich, integer, eben menschlich. Das ist im Film für mich die zentrale Aussage. Jede soll machen, was sie am besten kann. Und sich nicht verbiegen lassen, verführen von Oberflächlichkeiten, wie Luxus, Erfolg und Macht. Sie zeigt dem Vater, wie sein Weg richtig gewesen wäre. Nämlich anständig. Das verschafft nicht sofort den nötigen Respekt, aber nachhaltig, bis zum letzten Atemzug. Tatsächlich ist sie viel klüger, weil sie ihrer Seele folgte - das sollten wir alle tun. Nachts im Traum weist uns die Seele den richtigen Weg. Jeder ungedeutete Traum ist wie ein ungelesener Brief.


Kontakt:

Wiebke Hansen

LifeForce Coaching zertifiziert